AUS DEM LEBEN EINES FEUERWEHRMANNES: BURNOUT ODER EINFACH ZU LANGE DABEI?

Gastbeitrag: Berufsfeuerwehr und Notfallrettungsdienst

Burnout

Hallo Du!

Heute wird es sehr spannend. Dieser Gastbeitrag stammt nämlich von einem 52-jährigen Berufsfeuerwehrmann. Die personenbezogenen Daten wurden zum Schutz seiner Person durch mich geändert. Der Ort ist eine große Stadt im östlichen Teil Deutschlands. Rick – so werde ich ihn einfach mal nennen.

Der emotionale Bericht von Rick hat mich persönlich sehr berührt. Ich bin seit Längerem mit diesem engagierten Familienvater im Austausch. In einem solchen Beruf über Jahrzehnte zu arbeiten ist eher ungewöhnlich. Im Rahmen einer Diskussion über Burnout-Anfälligkeit in sozialen Berufen schrieb er mir die folgende Zeilen.

Wie alles begann – ein Feuerwehrmann reflektiert seine Berufung

“In den letzten Jahren hört und liest man immer öfter von Begriffen wie akute Belastungsreaktion, Burnout-Syndrom und posttraumatische Belastungsstörung.

Ich muss zugeben, dass ich bis vor fünfzehn Jahren mit diesen Dingen nicht viel anfangen konnte. 

Im Jahre 1981, kurz nach meinem zwölften Geburtstag, beschloss ich Feuerwehrmann zu werden. So trat ich in jenem Jahr der Jugendfeuerwehr, damals hieß das “AG Junge Brandschutzhelfer”, in meinem Wohnort bei. Wenige Jahre später wurde ich in die Freiwillige Feuerwehr übernommen. Hier durfte ich als pubertierender Jugendlicher also schon echte Einsätze mitfahren.

1984 bewarb ich mich sogleich bei der Berufsfeuerwehr im Osten Deutschlands. Dort zeigte man reges Interesse an mir. Das zeigte sich unter anderem daran, dass man mich bei der Wahl meines Ausbildungsberufes – man musste damals nämlich eine abgeschlossene Berufsausbildung, möglichst handwerklich, absolviert haben – um bei der Feuerwehr eingestellt zu werden, unterstützte.

Ein weiteres Einstellungskriterium war damals, dass man seinen Pflichtwehrdienst abgeleistet hat. Auch hier unterstützte man mich. Ich landete tatsächlich in einem Feuerwehrzug auf einem Militärflugplatz. Das war zur damaligen Zeit großes Glück. So musste ich doch nicht, bis an die Zähne bewaffnet aufpassen, dass der Westen den Sozialismus nicht klaut.

Am 13. Juni 1989 war es dann endlich soweit. Einstellung im Kommando meiner auserwählten Feuerwehr! Das war zu jener Zeit die Bezeichnung einer Berufsfeuerwache.

(Rick)

Damals war es üblich, dass man nach der Einstellung zunächst für einige Monate ganz normalen Einsatzdienst versah, bevor man die Feuerwehrschule in einem Kaff irgendwo ganz weit draußen besuchte. Heute findet man dort eine Landesfeuerwehrschule.

So sammelte ich also in den ersten Monaten wertvolle Einsatzerfahrungen in den Bereichen der Brandbekämpfung und der technischen Hilfeleistung. Mit Medizin, also dem Notfallrettungsdienst hatten wir gar nichts zu tun.

Der Fall der Berliner Mauer und die Umstrukturierung der Feuerwehr

Jeder weiß, was im Herbst 1989 in Ostdeutschland passierte. Das war auch für mich eine spannende Zeit. Die politische Obrigkeit beabsichtigte sogar, uns für den Einsatz gegen Demonstranten zu missbrauchen. Dank einiger vernünftiger Führungskräfte kam es nicht dazu.

Nach dem Fall der Berliner Mauer blieb es spannend. Die Feuerwehr wurde völlig umstrukturiert. Es erfolgte die Herauslösung aus der sogenannten Volkspolizei und die militärischen Dienstgrade wurden durch Zivile ersetzt.

Nach der Wiedervereinigung fanden sich fast alle Kollegen in der städtischen Gesamt-Feuerwehr wieder. Einige hielten den Stasi-Überprüfungen nicht stand, andere waren aus ärztlicher Sicht plötzlich ungeeignet.

Ich jedenfalls habe die Wendewirren unbeschadet überstanden und meine Ausbildung Ost wurde anerkannt. So verblieb ich zunächst auf meiner Wache.

Wie die Liebe zum Rettungsdienst entstand

So wie für alle Ossis, war auch für mich der Notfallrettungsdienst, also der medizinische Aspekt unserer Arbeit, absolutes Neuland. Ich merkte allerdings sehr schnell, dass das genau mein Ding ist. 

Dadurch, dass ein Rettungswagen (RTW) damals noch regulär mit drei Kollegen besetzt war, war es üblich, dass zwei Kollegen West, wegen der vorhandenen Rettungsdienstausbildung und ein Kollege Ost als Fahrer eingesetzt wurden. So war ich also regelmäßig im 24-Stunden-Dienst auf dem RTW eingesetzt.

Es dauerte nicht lange, bis ich meine erste Rettungsdienstausbildung, nämlich die zum Rettungshelfer, absolvieren konnte.

Erste Erfahrungen mit Toten

In dieser Zeit der vielen Neuerungen kamen durchaus einige heftige Einsätze auf mich zu.

So nahm die Zahl der schweren Verkehrsunfälle rapide zu. Das war dem Umstand geschuldet, dass viele von einem PS-schwachen Trabant auf einen PS-starken Wagen umgestiegen sind – sie damit aber nicht wirklich umgehen konnten. 

Viele andere hatten gar keine Fahrpraxis und versuchten sich mit kraftvollen, aber zum Teil schrottreifen, Autos.

Das war die Zeit, in der ich mit vielen Verkehrstoten konfrontiert wurde.

Ich erinnere mich dabei an einem Fall, der sich im Sommer 1992 zugetragen hat. Mitten in der Nacht wurden wir zu einem Verkehrsunfall zwischen einem PKW und einer Straßenbahn gerufen.

Das Kraftfahrzeug, besetzt mit vier Jugendlichen im Alter zwischen 15 und 17 Jahren, hämmerte mit nachweislich 140 Km/h seitlich in die Tram. Wie es an der Unfallstelle aussah, kann sich wohl jeder vorstellen.

(Rick)

Drei der vier Kids, der Fahrer hatte seinem Vater die Autoschlüssel geklaut, waren sofort tot. Der Vierte wurde schwerstverletzt in eine Klinik gefahren. Was aus ihm wurde entzieht sich meiner Kenntnis.

Mehrfach waren wir als Rettungskräfte in den Machenschaften der vietnamesischen Zigarettenmafia involviert.

Nämlich dann, wenn einem der Straßenverkäufer wieder mal eine Kugel in den Kopf gejagt wurde. Manchmal wurde der Betroffene auch mit einem Baseballschläger dermaßen bearbeitet, dass der Begriff Kopfplatzwunde Dimensionen annahm, die ich bis dahin nicht kannte.

Ebenfalls in Erinnerung geblieben ist mir ein Brand in einem Einfamilienhaus, zu dem wir früh am Morgen kurz nach Dienstbeginn hingefahren sind. Ein wirkliches Feuer war nicht zu erkennen, allerdings waren die Räumlichkeiten stark verqualmt.

Die Tatsache, dass der Hausschlüssel von Innen steckte und der Fernseher lief, ließ Unheil für die Hausbewohner vermuten.

So kam es dann auch, dass wir nach den Löscharbeiten zwei völlig verkohlte Leichen fanden. Für uns war nicht zu erkennen, wer da was war. Das Feuer war wegen des Mangels an Sauerstoff praktisch von selbst erloschen.

Dass es sich um Mutter und Kind handelte, die von einem “Freund” der Familie getötet wurden, erfuhr ich später aus den Medien.

Wenn der Einsatz zur psychischen Belastung wird

Ungefähr zu dieser Zeit erlebte ich meinen ersten Einsatz bezüglich des sogenannten plötzlichen Kindstodes.

Den sieben Monate alten Jungen konnten wir nicht retten. Bei diesem Einsatz fühlte ich das erste Mal bewusst psychische Belastung. Meine Tochter war damals etwa gleich alt.

Nachbereitungen im Zusammenhang mit psychischen Einsatzbelastungen gab es zu dieser Zeit schlichtweg nicht. 

Nach einigen Tagen, so mein subjektiver Eindruck damals, war dieser Einsatz wieder vergessen.

(Rick)

Sehr oft werde ich in Gesprächen nach Einsätzen gefragt, an denen ich beteiligt war. “Was war dein schönster/lustigster Einsatz, was dein Schlimmster?”

Bei “lustig und schön” muss ich tatsächlich länger überlegen, obwohl es davon gar nicht so wenige gibt. Ich würde sie dann aber eher befriedigend nennen.

Entbindungen, erfolgreiche Reanimationen, getröstete Kinder, und und und.

Tragik und Glück lagen auf einmal nah beieinander

Im Jahre 1996, inzwischen war ich viel höher qualifiziert, erlebte ich einen Einsatz, den ich bis heute als einen der Schlimmsten für mich betrachte. 

Ich gehörte zur Besatzung des ersteintreffenden Rettungsmittels an einem Tatort, mit einem toten sowie zwei lebensbedrohlich verletzten Polizeibeamten.

Die Kollegen, die praktisch außer Dienst unterwegs waren, stoppten ein durch eigenartige Fahrweise aufgefallenes Auto, um den Fahrer zur Rede zu stellen. Der volltrunkene Unhold hatte an einem Gespräch kein Interesse. Stattdessen eröffnete er mit einer mitgeführten Schusswaffe sofort das Feuer auf die Polizisten, mit den bekannten Folgen.

Während dieses Einsatzes habe ich übrigens erstmalig, außerhalb des klinischen Trainings einen Flexüle gelegt.

Das war damals in östlichen Städten Deutschlands durchaus nicht üblich. Bis spät in die 90er Jahre war das fast ausschließlich Ärzten vorbehalten.

Während der gleichen Dienstschicht, es war bereits Nacht, leisteten wir noch erfolgreich eine Geburtshilfe. 

Ich empfand damals ein seltsames Gefühl: Tragik und Glück so dicht beieinander.

(Rick)

Anfang des neuen Jahrtausends, ich versah Dienst auf einem Notarztwagen und gehörte inzwischen zu einer anderen Wache, wurden wir zu einem 12-jährigen Kind mit einer Schussverletzung gerufen. Es war früh gegen 6:30 Uhr, kurz vor dem Feierabend.

Ich erinnere mich noch genau an das Einsatzszenario während unseres Eintreffens. Einsatzfahrzeuge der Polizei und der Feuerwehr ohne Ende. Viele betroffene Gesichter.

Ereignisort war eine Wohnung im Erdgeschoss einer dieser modernen Stadtvillen. Beim Betreten des Kinderzimmers bin ich schlagartig gealtert. Das ganze Zimmer voller Blut! Und Gehirn. Wände, Decke, Fußboden.

Zu helfen gab es hier nichts mehr. Niemand von uns konnte sich erklären, was dort passiert ist.

Einige Tage später erfuhren wir, dass man einen Abschiedsbrief des Jungen fand. Suizid! Ein 12-jähriger Bengel! Das war neu.

Die Dienste des Einsatznachsorgeteams, sowas gab es inzwischen bei uns, haben wir nicht beansprucht. Wahrscheinlich auch, weil wir Feierabend hatten. Wir haben allerdings im Team an diesem Morgen und während der nächsten Schichten viel geredet. Das hat damals sehr geholfen.

Erste Veränderungen setzten ein

In den folgenden Jahren, ich bin inzwischen mit meinen Erinnerungen im Jahre 2003, merkte ich doch schon einige Veränderungen an mir. Präziser gesagt, mein familiäres Umfeld sowie mein Freundes- und Kollegenkreis bemerkte diese Veränderungen.

Offenbar war ich oft schlecht gelaunt, leicht reizbar und sowas alles.

Dann bekam ich aus heiterem Himmel, beim Autofahren, eine Panikattacke, hervorgerufen durch Herzrhythmusstörungen. Dass es eine Panikattacke war, wusste ich damals natürlich nicht. Nein, ich dachte, dass ich jetzt den plötzlichen Herztod erleiden werde.

Es kam, wie es kommen musste. Ich kam mit einem Notarzt ins Universitätsklinikum und wurde einige Stunden später entlassen.

Kurze Zeit später bekam ich Vorhofflimmern. Das wurde elektrisch wegkardiovertiert. Heute weiß ich, dass diese Rhythmusstörung auch ohne Kardioversion wieder in den Sinusrhythmus konvertiert wäre.

In der Folgezeit wurde ich natürlich kardiologisch auf den Kopf gestellt. Diagnose: “…Machense keene Nachtdienste mehr…!” 

(Rick)

Ja, sehr witzig in meinem Beruf.

Jedenfalls konnte ich, auch mit professioneller Hilfe, im Laufe der nächsten Jahre die Normalität halbwegs wiederherstellen. Zwar geht mein Berufsleben genau so weiter wie bisher, aber ich gönne mir seitdem einige Auszeiten und Erholungsphasen extra.

Nach dieser sehr unschönen Phase meines Lebens ging der Arbeitsalltag also weiter.

Meine Kollegen und ich hatten weiterhin mit tragischen Schicksalen zu tun. Erfolglose Reanimationen, auch Kinder waren darunter.

Personalmangel und Unzufriedenheit

Aber nicht nur das Einsatzgeschehen ist dafür verantwortlich, dass die Zahl der kaputtgespielten Feuerwehrleute stetig steigt.

So es unter anderem schwer zu ertragen, dass die Zahl der Alarmierungen ins Unermessliche steigt, während das Personal auf den Dienststellen weniger wird. Der überwiegende Teil der Einsätze im Rettungsdienst sind, wie man so schön sagt, Murks.

Es gibt noch eine weitere Ursache, die für den schlechten Gesundheitszustand vieler Kollegen verantwortlich ist. Nämlich die allgemeine Unzufriedenheit, die unter den Mitarbeitenden herrscht. Diese wird oft durch immer weiter nachlassende Kameradschaft und Kollegialität, durch ungerechte Behandlung durch die Vorgesetzten, durch zu geringe Bezahlung und durch völlig inakzeptable Dienstpläne verursacht.

Kurzum: Die Arbeit macht viele krank.

Und trotzdem ist es Liebe

Trotz alldem liebe ich diesen Beruf – auch heute wie Ende der 80er Jahre. Er ist eben meine Berufung.

(Rick)

Die nahezu 52 Jahre, die ich auf dem Tacho habe, werden das nicht ändern.

Auch wenn es nicht mehr so leichtfällt, wie damals.”

Doreens Fazit

Der kurze Abriss eines so intensiven und langen Berufslebens eröffnete mir eine Welt, die ich so bisher nicht kannte. Das Thema psychischer Erkrankungen und Burnout scheint eine Gefahr in diesem Berufsfeld zu sein.

Lese-Empfehlungen

Ich habe bei der Recherche zu Feuerwehr und Rettungsdienst das Buch “Burnout bei der Feuerwehr” von Mark Overhagen gefunden. Hier gibt es das Buch bei Amazon.

Burnout-bei-der-Feuerwehr
“Burnout bei der Feuerwehr” (Mark Overhagen)

Ein ähnliches Berufsfeld ist das des Rettungsdienstes. Hier hat der ehemalige VIVA-Moderator Tobias Schlegl seine sehr persönliche Reise begonnen. In seinem Buch „Schockraum“ nimmt er uns Leser:innen mit und berichtet von seinem inneren Ruf. Auch dieses Buch gibt es hier auf Amazon.

Schockraum
“Schockraum” (Tobias Schlegl)

Der Instagram-Account von Tobi Schlegl ist voller persönlicher Erfahrungen und Bemühungen, diesen Beruf in der Öffentlichkeit sichtbar zu machen. Das Live mit dem Gesundheitsminister Jens Spahn hat mich beeindruckt. Seit dem 28.01.2021 gibt es auch seinen Podcast:

2Retter1Mikro

Abschlussworte

Zum Schluss möchte ich einfach nur Danke sagen. Danke lieber “Rick” für Deinen informativen und sehr persönlichen Bericht. Ich danke allen Menschen, die in der Feuerwehr und im Rettungsdienst / Notfalldienst täglich ihr Bestes geben und oft an ihre körperliche und psychische Belastungsgrenze geraten.

Ich danke auch Dir, denn Du hast den Artikel bis zum Ende gelesen. Dein Interesse hat sicher einen Grund. Möchtest Du vielleicht auch einen Gastbeitrag – gerne anonym – veröffentlichen und uns an Deiner sozialen Berufung teilhaben lassen? Dann schreibe mir gerne eine E-Mail: hallo@sozial-berufen.de

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