PFLEGENDE ANGEHÖRIGE … WENN PLÖTZLICH ALLES ANDERS IST

Pflegende Angehörige des eigenen Freundes?

Montag 20:19 Uhr.

Ein ganz normaler Montag

Wir sitzen am Tisch bei offenem Fenster. Ziemlich nah hören wir Sirenen. Der Tee ist lauwarm und trinkbar. Wir lachen und berichten vom Tag. Das Handy klingelt und die Große geht dran.

“Hallo”, ihre fröhliche Stimme wird zu einem Seufzer. Ihr Gesicht verliert plötzlich die Farbe und alle spüren es.

“Was ist passiert Papa?” Ihre Stimme nur noch ein Wimmern.

Ich übernehme das Smartphone, stelle auf laut und höre seine Stimme.

“Macht Euch keine Sorgen, sie kümmern sich um mich.”

Leere. Ich sehe in die beiden bleichen Kindergesichter am Tisch, vernehme immernoch die Sirenen und frage: “Wo bist Du?”

“Ganz nah bei Euch.” Noch ehe ich begreife, was das bedeutet, sehe ich den Stuhl auf dem Boden landen und der kleine Mann flitzt zur Tür.

20:27 Uhr – plötzlich ist nichts mehr normal

pFLEGENDE aNGEHÖRIGE ZU SEIN ; Verkehrsunfall als Schicksalsschlag
Pflegende Angehörige sind nicht nur erwachsene Kinder oder Enkel.

Ich sitze hier und versuche mich zu erinnern. Wie ich es geschafft habe, in die Notaufnahme unter Corona Bedingungen zu gelangen. Es war die Hölle – die ersten Tage waren wie eine sehr nervige Zeitschleife ohne Erinnerungen. Vielleicht folgst Du mir auf Instagram? Dort habe ich ein Highlight aus den Storys dieser Zeit zusammengestellt. @doreenfalkenthal

Pflege von Angehörigen zu Hause

Bisher kannte ich den Begriff der “Pflegenden Angehörigen” nur aus dem Pflegealltag. Ich habe ja selbst jahrelang mit Ihnen zu tun gehabt in der Hauskrankenpflege und in meiner Zeit im Außendienst bei der Stomaversorgung. Meine Großeltern unterstützte ich auch.

Niemals habe ich auch nur eine Sekunde daran gedacht, dass ich meinem HerzMenschen vor dem 90. Lebensjahr auch nur ansatzweise bei der Körperhygiene helfen würde.

Plötzlich war es anders. Er lag im Krankenhausbett – bleich – leerer Blick – schmerzgeplagt. Coronaschutzmaßnahmen bedeuteten auch – keine Besuche. Das fand er mehr als nur gut. Pflegenotstand und Corona bedeutete aber auch wenig Personal auf der Chirurgie.

Also hetzte ich nach meinem Arbeitstag ins Krankenhaus um die eingeräumte Besuchsstunde nicht zu verpassen, reihte mich in die Schlange vor dem Haupteingang, füllte Zettel aus, desinfizierte die Hände, flitzte nach oben, hechtete an der Schwesternkanzel vorbei und betrat den kahlen Raum.

Jeden Tag wurde mein Sportlerfreund dünner. Blaßer. Jeden Tag nutzten wir die 1 h für eine gründliche Körperpflege, die ich durchführte. Er konnte sich nicht bewegen. Das Becken war gebrochen und die OP erfolgte erst 5 Tage nach dem Unfall.

Pflegende Angehörige
Pflegende Angehörige

Einmal Krankenschwester immer Krankenschwester

Es fiel mir nicht schwer, ihn zu mobilisieren, seine Gelenke zu bewegen, die Haut zu Pflegen und Prophylaxen durchzuführen. Das hatte ich gelernt. Seit 1996 kannte ich die Grundlagen einer guten pflegerischen Versorgung.

Aber es war emotional komplett anders. Es war zu vertraut und doch wirkten meine Handlungen merkwürdig automatisiert. Nähe und sexuelle Anziehung waren komplett weg. Es fühlte sich eher nach einer gebundenen Abhängigkeit an.

Wir gaben uns beide Mühe, diese Zeit nicht gegen unsere Zweisamkeit laufen zu lassen. Es gab durch mich klare Zeiten der pflegerischen Versorgung. Medizinische Betreuung in Form von Spritzen und Medikamentengabe ebenso.

Alles führte ich in gewohnter Krankenschwester-Art durch. ABER dann wurde ganz klar wieder die Paarebene bedient. Gespäche über den Alltag, die Kids und die unzähligen Anträge hielten uns beieinander.

Ausbrechen mit Humor als Pflegende Angehörige

Im September zog es ein – das Pflegebett

Es war ein ziemlich warmer Dienstagabend, als mein Schwager die Lampen im Wohnzimmer abbaute, wir die Schränke verschoben und die Sanitätshauslieferung eintrudelte. Dusch- und WC Stuhl, Pflegebett und Gehbock. Ein merkwürdiger Anblick. Da wir uns aber alle auf die Rückkehr des Verunfallten freuten, dekorierten wir das Zimmer richtig gemütlich.

Irgendwann war es endlich soweit und er wurde liegend reingetragen. Eine fast surreale Situation. Wir brauchten ungefähr ein bis zwei Stunden um in der veränderten Realität zu Hause anzukommen.

Es wurde ein Medizineckchen eingerichtet und der Fernsehe zurecht gerückt. Am Abend kehrte auch endlich eine Art humorvoller Kommunikation zwischen uns zurück.

Endlich. Ab jetzt würde es Bergauf gehen.

Pflegetage für pflegende Angehörige

Der Gesetzgeber hat für den Fall einer spontanen und sofortigen Übernahme von Pflegeleistungen eine vorgegebene Anzahl von Tagen empfohlen, die ein betroffener Angehöriger in Anspruch nehmen kann. Es handelt sich um 10 gesetzliche Pflegetage. “kurzzeitige Arbeitsverhinderung” Nur wer bezahlt diese?

Hier gibt ein Artikel Einblicke: Klick hier zum Pflegeunterstützungsgeld.

Dauerhafte Pflegebedürftigkeit ist durch Pflegeleistungen der Pflegekasse unterstützbar. Die Beantragung eines Pflegegrades erfolgt über die Krankenversicherung. Diese leitet den Antrag an den MDK weiter. Dieser MDK (medizinischer Dienst der Krankenkassen) prüft die individuelle Bedürftigkeit umfassend. Unfälle und Beeinträchtigungen unter sechs Monaten Dauer werden hier häufig nicht erfasst.

Übersicht über Pflegegrade. Hier.

Um es kurz zu machen. Wir haben keinen Pflegegrad bekommen. Das Pflegegeld für die 10 Tage der “kurzzeitigen Arbeitsverhinderung” gab es anteilig. sechs Tage vom Arbeitgeber und zwei Tage von der Krankenkasse meines Freundes. Die unzähligen Dokumente, die dazu nötig waren, kann ich gar nicht mehr aufzählen. Es gab jedenfalls keinen Vordruck. Es waren ewige Einzelklärungen mit allen beteiligten Ansprechstellen.

Das Leben ist so kurz – Schockmomente für Pflegende Angehörige

Wer rechnet schon damit in jungen Jahren seinen Partner pflegen zu müssen? Wir haben es zum Glück überstanden. Fünf Monate danach ist zwar noch nicht alles verheilt, aber das Leben geht weiter. Die Zeit als Pflegende Angehörige war eine intensive Erfahrung. Es hat unsere Beziehung verändert und mich.

Es war häufig sehr stressig und belastend. Ich habe alle meine Fähigkeiten gebraucht um nicht in eine Überbelastung zu rutschen. Es gab Tage, an denen ich nur funktionierte. Selfcare ist eine willentliche Anstrengung, die wir selbst leisten müssen.

Bist Du derzeit auch sehr beansprucht und im privaten Bereich als pflegende Angehörige gefordert? Dann musst Du unbedingt Pausen einlegen und auf Dich achten. In Krisen rutschen wir manchmal schleichend in eine Überforderung … siehe Stufen im Artikel über Burnout.

für Pflegende und Angehörige
Klick für mehr Infos auf das Bild.

Pflegende Angehörige brauchen Auszeiten

Gerade im privaten Rahmen neigen Menschen dazu mehr zu geben. Ich bin eine sozial berufene durch und durch. Natürlich bin ich auch rund um die Uhr für meinen Freund da.

Das dachte ich mir jedenfalls. Ich hatte trotz aller Erfahrungen und Ausbildungen unterschätzt, was eine Dauerbelastung (Sorgen, Pflege, Familienversorgung, Schreibkraft, Einkäuferin usw.) für mich und meine Erholungsphasen bedeutet.

Meine Routinen aus Mädelsabenden, Yoga, Lesen, Sauna und Zeiten allein zu Hause vielen weg. Ein paar wegen Corona und der Rest wegen der täglichen 24h Betreuung.

Finanziell musste ich für mich entscheiden, wie ich mit der Situation umgehe. Ich habe mit dem Arbeitgeber eine verkürzte Arbeitszeit ausgehandelt. 5 h täglich.

Im Nachhinein bereue ich diesen Schritt, denn nun wurde die Belastung noch höher. Durch die Fahrtzeit war ich mehrere Stunden ausßer Haus und hatte unerwartet mehr Druck. Die ersten Tage in der Klinik brachten noch abwechslung. Schnell stellte sich aber eine gereizte Grundstimmung ein.

Pflegende Angehörige
Burnout – Contra (Klick auf das Bild)

Wichtiger Tipp für Pflegende Angehörige:

Bitte achte auch auf Dich selbst. Gönne Dir Auszeiten ohne Stress. Vereinbare Treffen oder Ablösungen in der häuslichen Pflege um selbst andere Gespräche zu führen. Verlasse die Situation und unternehme etwas, dass nichts mit dem Zustand zu Hause zu tun hat.

Was tat Dir bisher immer gut? Welche Menschen, Aktivitäten oder Dinge?

Erlaube es Dir. Du kannst nur liebevoll und stützend sein, wenn es Dir selbst gut geht. Fülle Deine Akkus auf und lass Dich überraschen, wie die täglichen Heruasforderungen an Wucht verlieren, wenn es Dir gut geht. Nutze Auszeiten vom Pflegalltag zu Hause.

Als pflegende Angehörige bist Du meist sehr allein in der Rolle. So ziemlich alles (von der Körperhgiene bis zu den Papieren) bleibt an Dir hängen.

Das kann schnell zu viel werden. Dies wahrzunehmen ohne sich selbst zu verurteilen ist enorm wichtig. Es geht gar nicht darum, alles allein zu machen. Einer muss oft den Überblick behalten, klar, aber Du musst nicht alles allein durchstehen.

Es gibt Pflegedienste, Ehrenamtliche HelferInnen und Selbsthilfegruppen. Es gibt Foren und Communitys zu fast allen erdenklichen Themen.

Tausche Dich aus. Sprich auch mal über Dich und gönne Dir immer mal wieder eine Auszeit. Das ist meine große Bitte an Dich.

Pflegende Angehörige arbeiten für ein Lächeln

In der Politik kommen wir kaum vor. Junge Menschen in kurzfristiger Pflegebedürftigkeit. Mit einem Beckenbruch wochenlang zu liegen und stundenweise im Rollstuhl mobilisiert zu werden – ist aber Pflege. Der pflegebedarf liegt bei 100 %. Hier gibt es die Möglichkeit einer vO für die häusliche Krakenpflege. Die Kosten für 2-3x am Tag Unterstützung bei der Körperpflege, Spritze und Nahrungszubereitung wäre so möglich. Eine Übertragung in den privaten Bereich ist hier nicht vorgesehen. Wir haben trotz aller Anträge keine Möglichkeit gefunden die privat erbrachte Pflege – abzurechnen.

Pflegende Angehörige
Pflege zu Hause durch Angehörige

Ich war Pflegende Angehörige – mehr als ein Mal

Meine Großeltern leben nicht mehr. Alle vier haben Hilfe benötigt. Bei meinen Opas war ich da kaum involviert. In den Jahren nach den Schlaganfällen einer Oma, habe ich mehrfach unterstützt. Bei der anderen oma war ich über ein Jahr die Medikamenten und Arztverantwortliche in der familiären Familienversorgung.

In Bezug auf meine Arbeit und auch bei meinen Großeltern fiel es mir leichter, die Einschränkungen bei den betroffenen Menschen wahrzunehmen.

Bei meinem Herzmensch ging es nicht. Ich versuchte natürlich optimistisch und motivierend zu sein. eden Tag aufs Neue. Dennoch tat er mir auch manchmal so leid und ich hatte das ohnmächtige Gefühl, nicht – was ich tue – kann wirklich eine Hilfe sein.

Kennst Du das? Zum Glück habe ich gute Berater und eone geübte Reflexionsfähigkeit. Wir konnten auch beide darüber sprechen – wie hilflos ich mich manchmal fühlte.

Am Schluss hat es uns dann noch enger zusammengeschweist. Mit einer Prise Humor konnten wir die langen Bewegungseinschränkungen auch in die körperliche Kontaktaufnahme einbauen.

Pflegende Angehörige in Love
Love

Mein Fazit aus diesen Monaten?

hmmmm…. Wir fragen uns manchmal, was das Leben uns damit sagen wollte. Ihm. Mir.

Noch wissen wir es nicht. Vielleicht fehlt noch der Abstand. Vielleicht sind die Einschränkungen und Verluste noch zu spürbar.

Wir sind dankbar, dass es nicht schlimmer war. Wir sind zusammen gewachsen. Wir sind gealter.

Wir sind auch froh – so ein tolles umfeld mit so viel Unterstützung erfahren zu haben.

Alles in allem werden wir in 10 Jahren darüber lachen. Hoffe ich.

Vorerst stehen weitere Therapien an und der Termin zur OP Materialentfernung.

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